Pressespiegel

Tobe, zürne, misch dich ein

Quelle: Die Rheinpfalz

willkommen im club der alternden helden - das wäre ein passender begrüßungssatz für konstantin wecker gewesen. beim ausverkauften konzert „am flussufer" der seebühne in edesheim offenbarte sich am sonntag gnadenlos: seine anhängerschar ist mit dem aktivistischen liedermacher älter geworden. dabei haben auf beiden seiten weder die politischen und sozialen themen an brisanz, noch geist und wille, die welt zu verändern, an vehemenz verloren.

„60 jahre wecker, 40 jahre bühne ...", so fängt konstantin wecker an und zitiert zur eröffnung einen zynischen vers von robert gernhardt. dann erinnert er mit ironischen kommentaren zu ausschnitten aus den „sadopoetischen gesängen des konstantin amadeus wecker" („mein linker arm") an den anfang der wecker-ära. mit „ich singe, weil ich ein lied hab" stellt er wie immer klar, dass er den gewinn seiner lieder in der eigenen persönlichkeitsentfaltung sieht.

er liest aus seinem jüngsten buch: „die kunst des scheiterns" und als er den titel damit erklärt, dass er am scheitern und nicht am erfolg gewachsen sei, brandet der erste applaus auf. wecker tastet sich vorsichtig an sein publikum heran, wechselt erst vom höflichen „sie" zum vertrauten „ihr" und „euch", als er spätestens beim gang durch die reihen spürt, dass die ruhe nur äußerlich ist, die geistige verbundenheit nach wie vor frisch und der wille, die welt zu verändern, ungebrochen. die menschen hängen an seinen lippen, raunen, seufzen, applaudieren schon beim ersten ton, wenn sie ein lied erkennen, lachen über politische witzeleien, leiden mit dem idol.

das bekenntnis „i werd oid" trifft auch sein publikum: neben weiß und grau leuchtet bunte chemie auf den köpfen - und innen drin auf einmal die erkenntnis: „wir sind alle älter geworden". beim blick in die runde tauchen längst vergessene gesichter auf, weggefährten und regionale 68er-idole von „damals"', zu den alten balladen wandern erinnerungen an den eigenen rebellischen weg durch den kopf.

mit der weisheit von 60 lebensjahren kommt „der revoluzzer" nicht mehr so aggressiv rüber wie vor einem vierteljahrhundert, aber immer noch wettert wecker stark und kraftvoll seine parolen in die menge und ruft auf zum aufstand gegen politische und soziale ungerechtigkeiten. „questa nuova realtá" - „was für eine nacht: freunde rücken wir zusammen, denn es zündeln schon die flammen und die dummheit macht sich wieder einmal breit...".

das klavierspiel konstantin weckers ist immer noch göttlich, immer noch bestimmen seine finger die stimmungslage der zuhörer. mal haut er laut und fordernd - am ende sogar mit dem fuß auf den flügel ein, oder streichelt mit zarten fingern sanft und leise über die tasten. in keyboarder jo barnikel hat wecker einen nicht weniger genialen begleiter gefunden: beide verstehen sich blind und fixieren sich doch ständig, machen sich an und ergänzen sich zu einem klang, der ein ganzes orchester ersetzt. beim ergriffen stillen „schlendern" und dem bayrischen blues „wehdam" verliert sich der junge begleiter in improvisationen, in die er auch den schlag der edesheimer kirchenglocken integriert.

vor jahren badete wecker nach einer halben stunde fahl und blass im eigenen schweiß, heute glänzt nach drei stunden ungebrochener kraft grad ein wenig die gebräunte stirn. nicht nur das alter, auch der entzug steht im gut zu gesicht - „ich lebe immer am strand" -, er kommt auch ohne drogen authentisch rüber und „wieder im leben" strahlt tief empfundene dankbarkeit aus.

weckers lyrik, die wirkung seiner tief gehenden poesie ist ungebrochen. in neuen liedern verarbeitete themen wie reformen, integration, globalisierung und armut reißen die aktivisten auch am sonntag von den bänken und mit dem „waffenhändlertango" und der „flaschenpost" animiert der nimmermüde barde auch die alternden revoluzzergeister zum weitermachen: „tobe, zürne, misch dich ein...".

Von Sonja Roth-Scherrer

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